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"Sagenhafte" Insel Rügen


Der Königsstuhl

Der Königsstuhl, zwar nicht die höchste Erhebung in der sagenumwobenen Stubnitz, doch der bekannteste Kreidefelsen, war bei der Königswahl entscheidend. Der mutigste Bewohner der Insel musste von der Seeseite aus den hundertneunzehn Meter hohen Felsen ersteigen. Hatte er diese Mutprobe bestanden, durfte er sich auf den aus Steinen errichteten Stuhl setzen und wurde zum König bestimmt.


Die schwarze Frau in der Stubbenkammer

In der Stubbenkammer führt ein schmaler, steiler Pfad zur Höhle der schwarzen Frau. Sie sitzt da seit vielen hundert Jahren. Früher bewachte sie einen goldenen Becher. Oben auf dem Felsen saß eine weiße Taube. Es mag hundert Jahre her sein, als ein in Dänemark wegen Hochverrats zum Tode Verurteilter den Befehl erhielt, durch den Raub des Bechers sein Leben zu retten. Begleiter führten ihn bis auf den Felspfad. Der Verurteilte fand die Höhle offen, in der unbeweglich, in Flammen eingehüllt, die schwarze Frau saß. Sie war in Seide gekleidet, und ein schwarzer Schleier verdeckte ihr Gesicht. Neben ihr lag der Becher. Der Eindringling griff danach. Da schlug die schwarze Frau den Schleier von ihrem bleichen, schönen Gesicht zurück, sah ihn an und klagte mit leiser Stimme: "Wähle recht, fremder Mann! Wenn du recht wählst, so bin ich auf ewig Dein!" Der Missetäter aber sah nichts als den Becher und nahm ihn fort. Im Davoneilen hörte er es hinter sich seufzen: "Weh mir, nun kann mich keiner erlösen!" In diesem Augenblick verwandelte sich die weiße Taube in einen Raben, der dort ewig Wache hält.


Die Herthasage

Die Herthaburg in der Nähe der Stubbenkammer war in alter Zeit Wohnsitz der Göttin Hertha. Sie war den Menschen wohlgesinnt und belohnte die Mühe der Bauern mit reichen Früchten. Zur Erntezeit fuhr die Göttin auf einen mit Kühen bespannten Wagen durch das Land und wurde überall mit Jubel begrüßt. Nach der anstrengenden Fahrt badete die Göttin in dem unmittelbar neben der Burg gelegenen Waldsee, dem Herthasee. Diener und Dienerinnen wuschen den Wagen und leisteten Hilfe bei den heiligen Handlungen. Damit sie von den Zeremonien nichts ausplaudern konnten, wurden sie ertränkt. Die Geister der im See ertränkten versammeln sich noch heute am Ufer.


Die Herthabuche

Wenige Schritte vom Eingang der Herthaburg stand bis vor kurzem eine stark gewachsene Buche, die bei den Kulthandlungen der Göttin Hertha eine Rolle spielte. Aus dem Rauschen der Zweige sagte der Priester die Zukunft voraus, und die Göttin teilte auf diese Weise ihren Willen mit.


Die Frau am Waschstein

Am Fuß des Königsstuhls liegt ein gewaltiger abgeflachter Granitblock, der Waschstein, auf dem zwanzig Männer nebeneinander Platz haben. Auf diesem Stein erscheint alle sieben Jahre um Johanni bei Tagesanbruch eine zarte, verwünschte Jungfrau und wäscht ihre Kleider im Meer. Wer ihr begegnet und "Guten Tag, Gott helfe" sagt, der hat sie erlöst. Aus Dankbarkeit wird sie ihren Befreier zu verborgenen Schätzen führen.


Der Herthasee

Auf Rügen lebte nach dem Glauben der alten Germanen die Göttin Hertha. Ein geheiligter Buchenwald, Stubbenitz genannt, umgab einen tiefen See. In den Wäldern, mit den Gewändern der Göttin bedeckt, standen ihre Wagen, mit denen sie jährlich im Geleite eines einzigen Priesters viermal die Erde durchfuhr. Heilige Kühe zogen das Gefährt der Göttin der Erde, und wohin dasselbe kam, war Freude und Fülle, Glück und Zufriedenheit. Wenn sie an einem Orte verweilte, bat sie nach einiger Zeit den Priester, dass er sie heimwärts geleiten möge. Stets tat er, was die Göttin von ihm forderte. Zurückgekehrt, wurde in dem See ihr Wagen, Gewand und ihr Bildnis gereinigt, alle Sklaven aber, die sie dabei bedienten, von ihr im See geopfert, damit keiner sie jemals verriet.


Die Steinprobe

In der Nähe des Burgwalles liegt ein Felsblock, Sagenstein genannt. Auf ihm sind die Eindrücke eines Menschenfußes und eines Kinderfußes zu sehen. Es wird erzählt, daß sich unter den Dienerinnen der Göttin Hertha eine Jungfrau befand, die trotz Verbots einen Ritter liebte und ihn allnächtlich im Wald traf. Bald darauf entdeckte der Priester, daß eine Jungfrau ihr Gelöbnis gebrochen hatte. Da keines der jungen Mädchen das Vergehen zugab, befahl die Göttin die Steinprobe. Jede Dienerin mußte mit bloßen Füßen den Stein besteigen. Als die Schuldige den Findling bestieg, drückten sich ihr Fuß und auch der Fuß eines kleines Kindes ein. Der Priester führte das Mädchen an den steilen Rand der Kreideküste und stieß es hinab. Doch die Göttin ließ die Ungehorsame in die Arme ihres Geliebten sinken, der sie mit auf sein Schiff nahm.


Der Pfennigkasten

In der Nähe des Herthasees, am Waldweg nach Hagen liegt ein geöffnetes Steinkistengrab. Der Priester der Göttin Hertha hat dort das ihr geopferte Geld verwahrt. Die Kammer des Großsteingrabes soll bei seiner Öffnung bis an den Rand mit Geld und Gold gefüllt gewesen sein.